Donnerstag, 23. April 2009

hinter verschlossenen türen

protest à la österreich: monatelanges ankündigen und dann nichts. übrig bleiben unzählige interviews wo dem konjunktiv gehuldigt wurde: was würde passieren wenn die lehrerInnen streiken…; wie täten sie reagieren wenn… so viel heiße luft war noch nie. laut ögb statistik wird das jahr 2003 mit über 10 millionen streikstunden als rekordjahr verbucht, während 2001, sowie 2005 bis 2007 keine einzige minute die arbeit niedergelegt wurde. auch das so „starke“ jahr 2003 kommt nur auf matte 3 stunden streik pro arbeitnehmerIn. der verhandlungsweg ist nach ögb sprech der richtige und streik wird implizit als versagen abgetan, obwohl man sich sonst gerne kämpferisch in pose wirft. „hinter verschlossenen türen“ soll ausverhandelt und dann mit einem glorreichen kompromiß an die öffentlichkeit gegangen werden. kennen die ögbler nicht die geschichte vom umgefallenen baum im wald, der aber nicht gefallen ist, weil es keiner gehört hat? was sind ergebnisse wert, die nicht in der öffentlichkeit unter dem einsatz aller erreicht wurden? die jahrzehntelange einbindung der sozialpartnerschaft als nebenregierung hat zivilcourage und streikwillen in österreich sukzessive abgetötet.


die lehrer hätten streiken sollen, damit dass, was nicht zu ende gedacht, zumindest zu ende getan wird. stellen wir uns vor: 2 wochen streik und alle gehen hin. was in dieser zeit, sowohl auf der straße, als auch in den medien, als auch im minisiterium debattiert werden würde, hätte uns wohl eher eine echte thematische auseinandersetzung und nicht den befürchteten stillstand beschert. aber das wollte ja niemand.

Samstag, 11. April 2009

hase und igel

in klaus ottomeyers buch „jörg haider – mythenbildung und erbschaft“ wird haiders anziehungskraft versucht psychologisch zu erklären. der autor ist selbst sozialpsychologe und psychotherapeut in kärnten und kann viele erlebnisse so aus erster hand berichten. innerlich hab ich da erst einmal die nase gerümpft, weil ich doch nach einer wasserdichten erklärung ausschau hielt, so naiv und schlichtweg unerfüllbar dieser wunsch auch sein mag, also geschichtliche tatsachen, statistiken, gerichtsurteilen usw. suchte und keine lust hatte mich auf „psychologisieren“ und interpretationen einzulassen. nach der lektüre des buches bleibt aber nur der schluß übrig, dass vor allem wenn es um fragen der macht, von blindem gehorsam und gefolgschaft gegenüber eines „führers“ oder um verdrängung von allzu offensichtlichem geht, die psychoanalyse eine sehr sinnvolle, ja notwendige erweiterung der politikwissenschaft darstellt. im prinzip ist der fall a priori ja rational nicht zu erklären, wir stehen vor aktionen wie der saualpe, deutlichen analogien zu sprache des dritten reiches (wahlplakat des bzö zu gemeinderatswahlen in graz: „wir säubern graz") und vor fakten wie denen, dass die landesschulden pro kärnterIn 4000 € betragen, dass es seit über 2 jahren keinen rechnungsabschluß für das budget kärntens gab und dass da einer seine position als landeshauptmann untolerierbar (haider in der disco „tollhaus“ allzunah mit jungen burschen alkohol trinkend) und gegen die gesetze (die abschiebung von unbescholtenen tschetschenen aus kärnten und die ortstafelfrage) ausübt und ausnützt. was sollen, anhand dieser aufzählung, statistiken und wahlanalysen uns sagen können? liegt die antwort nicht viel tiefer, irgendwo in unserem unbewussten begraben und bleibt sie nicht deswegen, auch wenn ottomeyer sehr treffende und erhellende psychologische analysen anstellt, auf grund ihrer natur unauffindbar?

besonders interessant wird es wenn ottomeyer des öfteren von dissoziation (prinzip der abspaltung von z.b. erinnerung) spricht. hier ein längeres zitat:


„um haider herum enstand eine eigentümlich verwirrte atmosphäre, wie wenn man es mit einer „multiplen persönlichkeit“ zu tun hat. eine multiple persönlichkeit hat in sich eine fülle von rollen und teilpersönlichkeiten, die einander nicht zu kennen scheinen. […] die arbeit der therapeutIn besteht darin, sie miteinander bekannt zu machen, damit ein gefühl der kohärenz, der ich-identität entsteht. der mensch mit einer multiplen persönlichkeit ist hochgradig „dissoziiert“ und switcht aufgrund bestimmter auslöse-reize von einer teilpersönlichkeit oder rolle in die andere. haider war wohl keine multiple persönlichkeit […], aber seine persönlichkeit war auffallend dissoziativ. er wirkte manchmal so, als würde er sich selbst nicht mehr kennen. er konnte in situationen jedesmal vollkommen „neu beginnen“ und vergessen, was er früher zu diesem oder jenem gesagt hatte. das interessante ist, dass auch seine gesprächspartner von diesem vergessen mitbetroffen waren. […] wenn haider sich gerade staatstragend gab, schienen die fremdenfeindlichen attacken von gestern wie verschwunden. wenn er einem gerade das gefühl gab, ein freund zu sein, war es, als hätten seine gemeinheiten gegenüber nahe stehenden personen auf einem anderen planeten stattgefunden. […] einige journalisten und autoren spezialisierten sich darauf, haiders „abgespaltene“, „vergessene“ äußerungen und handlungen einzusammeln und ihm nachzutragen. so als müssten sie die integrierende rolle der ich-identität für haider und sein publikum übernehmen. in einem gewissen sinn ist österreich mit zentrum kärnten durch die teilhabe an diesem dissoziativem spiel verrückt geworden. es ist ein bisschen wie in der geschichte vom wettlauf zwischen hase und igel. der hase musste in unserem fall nicht nur zwischen zwei igeln, sondern zwischen einem ganzen team von igeln hin und her laufen und verstand die welt nicht mehr. die verwirrung ließ viele sprachlos zurück.“


die geschichtslosigkeit seines tuns musste man ihm aber vorhalten. auch dazu wurde er immer wieder interviewt, ein teufelskreis, weil sich dadurch sein kompatibilität eben auch immer wieder bewiesen hat. natürlich braucht es dafür ein versagen von hochrangigen politikern ebenso, wie einen orf mit akuter beisshemmung. die ganze problematik mitsamt ihres fluchtcharakters von der realität wird vielleicht am besten mit dem audruck „ewig gestrig“ symbolisiert.


Sonntag, 5. April 2009

Zurück in die Bar

Natürlich war unser Kanzler der Erste, der Onkel Hans zum 50er der Krone ein Ständchen via APA Interview sang. Auf Prölls Loblied müssen wir sicher auch nicht lange warten. Eh keine Überraschung, aber irgendwie passt es ganz gut zur Stammtischthematik. Wenn Faymann sagt, er widmet den Leserbriefen bei Lektüre der Kronenzeitung besondere Aufmerksamkeit, ist das ja nicht a priori zu verurteilen. Es könnte ja Teil einer Strategie sein, dem gemeinen Volk aufs Maul schauen, die Probleme der kleinen Leute erfahren, die Probleme der Kroneleserschaft erfahren, um darauf die richtigen Antworten zu geben. Die Hoheit über die Stammtische so zurückgewinnen. Reine Illustion, man wird den Leserbriefschreibern nach dem Mund reden und wieder nur der Schmiedl sein, auch wenn ihnen Dichand persönlich den Hintern pudert.
Meinem Widerspruch bin ich mir deutlich bewußt, und die Annahme mit der ich versuche ihn hier auszuräumen entspricht eher einem Wunschdenken als konkreter Erfahrung. Ich glaube in schwierigen Zeiten oder bei wichtigen Entscheidungen verläßt sich der Wähler eher auf sein Hirn als auf seinen Bauch, siehe EU-Beitritt. Das läuft zwar die Ois-Trotteln These zuwieder, würde aber doch das Leben in Wohlstand und Freiheit in Europa der letzten 50 Jahre erklären. Die Politik oder besser die Parteien muten aber dem Wähler diese Entscheidungen nicht mehr zu. Abgezielt wird auf den Bauch und auf das Gefühl. Die Medien tragen das ihre dazu bei. Die Asyldebatte reduziert sich auf das liebe Gesicht der Arigona Zogaj. Ich weiß, folgende These ist einseitig und vereinfachend, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Politik und die Medien degenerieren den Wähler zum hirnlosen Stimmvieh dem blaue Augen oder rote Aktentaschen wichitger sind als wirkliche Inhalte. Mit solchen Sachen beschäftigen sich wahrscheinlich Politikerberater.
Das symbolische Erobern von Räumen durch die rechten Parteien macht das Betreten dieser für die Anderen anscheinend unmöglich. Es ist, als würde man in eine Bar nicht mehr gehen, weil einem die Leute darin nicht gefallen. Warum man dann vorm Eingang steht, und versucht mitzugröhlen kann ich nicht beantworten. Wenn man Durst hat, wird einem aber irgendwann nichts mehr anderes übrig bleiben als wieder hinein zu gehen. Diesen Weg sollten SPÖ und ÖVP aber wagen solange sie noch kräftig sind und nicht erst halb verdurstet.

Mittwoch, 1. April 2009

dialog im dunkeln

dichotomoie und dialektik, die dominierenden d gebrüder in der politikwissenschaft, wo alles janusköpfig, widersprüchlich und dreifach hinterfragenswert ist. ein herrlicher zustand, dem es allerdings viel-leichter fällt zu sagen was nicht ist, als zu sagen was ist. stammtische können orte reaktionärer, aber auch einfach besorgter auseinandersetzung sein. versteif ich mich in der definition auf ersteres, überlass ich strache & co, ähnlich dem „san ois trotteln“ sager (mein derzeitiger lieblingsspruch), die bühne, versuche ich es mit zweiterer, ohne dass ich mich gleichzeitig dazu entblöde autogramme auf brüsten in discos zu geben, dann besteht eine reelle chance direkt mit dem menschen in kontakt zu kommen, ohne als abgehobener politiker dazustehn, der sich für solche dinge zu gut ist. du verwickelst dich in einen widerspruch, wenn du einerseits von überwiegenden kopfentscheidungen sprichst und andererseits das primat der lautesten sau proklamierst. was nun, wird jetzt eine „regierung der besten köpfe“ mit den besten ideen und ausgewogensten programmen oder doch der, der am meisten populistisches porzellan zerbricht, gewählt? natürlich schicken wir damit glawischnig nicht ins fluc oder pröll auf den jägerball, aber dass die mehrzahl der jugendlichen bei der letzten nr-wahl rechts gewählt haben ohne es zu sein, ja dass darunter viele mit migrationshintergrund sind, sollte uns zu denken geben.

der stammtisch ist ja nicht per se böse, sondern nur durch seine instrumentalisierung als rechter ort. rechte parteien kapern symbolische räume und machen sie dadurch unantastbar. stichwort: migrantInnenpolitik, kriminalität, asyl, strafgesetzgebung, populismus usw. es ist verständlich, dass dann da keiner auch nur anstreifen will, aber -apropos dialektik- unverständlich, dass man ihnen diese räume kampflos überlässt. wir sind gefangen in einer schwarzweiß dichotomie, einem entweder oder denken, das wie das kaninchen vor der schlange sitzt, erstarrt vor angst. das gesetz des handelns haben wir aber dadurch verloren, die großparteien sind so zum ausschließlichen reagieren und beäugen des gegners verdammt. man kann zum thema migration ja fast nichts mehr sagen ohne in dem rechten raum zu tappen, an dieser entwicklung sind die linken nicht ganz unschuldig. migration ist aber tatsache, ein bestandteil unseres täglichen lebens in österreich als einwanderungsland, ein so facettenreicher, wie interessanter, auch unter dem aspekt der bereicherung und vielfältigkeit zu betrachender themenkomplex. für migrantInnen keine politik machen zu wollen, hieße, machtpolitisch gesehen, freiwillig diesen bevölkerungsanteil als potentielle wählerschicht zu verlieren. quasi so als ab man sagen würde: vergiss die hackler, die beamten, die bauern, die frauen, wobei es die nicht gibt. die ausländer sind eine rechtspopulistische bombe, welche eine diskussion verunmöglicht. die besetzung des migrantenthemas durch rechte parteien gibt ihm erst seinen problembehafteten anstrich. wenn faymann erst auf zuruf der journalisten rechte sager zu diesem thema kommentiert, ist der raum bereits verloren. schön wäre, wenn politikerInnen von sich aus agieren würden. das wäre jetzt auch mein ansatz, aber wofür kriegen parteistrategen und politikberater eigentlich ihr geld?

von der ursprünglich dreiheit der fransösischen revolution – freiheit, gleichheit, brüderlichkeit, hat, wie hobsbawm es so schön formuliert, die linke die brüderlichkeit, also den gesellschaftlichen zusammenhalt, das gemeinwesen, genossenschaften, verbände und das eintreten für kollektive verbesserungen über jahrzehnte eingebüßt. diese räume, inklusive des ach so verpönten stammtisches gehören zurückerobert. aber flott!