Montag, 6. Juli 2009

wir bloggen – wir bloggen nicht

so geht das in gänseblümchenmanier bis in alle ewigkeit. wir bloggen doch, haben eine extra seite und gedankenkram zum füllen anzubieten, blog was willst du mehr? wir bloggen nicht, unsere politiksuada steht allein da, wir werden, mit ausnahme vielleicht von siniweler, nicht gelesen und müssen uns fragen: wollen wir uns nicht lieber briefe schreiben? wir bloggen, sind gar innovativ in dem wir unseren blog unter uns zwei aufteilen und abwechselnd agieren. wir haben die interaktive web 2.0 mentalität somit schon mit der muttermilch aufgesogen. wir bloggen nicht, unser blog ist innerhalb der blogosphäre unvernetzt. wir bloggen doch! aber müssen uns doch noch einmal fragen: was wollen wir?
dieses intro ist nur aus gegebenen anlass, weil ich kürzlich etwas tiefer in ein paar blogs hineinschnüffelte und ob der möglichkeiten des web 2.0; sei es jetzt die organisation des widerstands im iran, die licherkette um das parlament, die enzi rebellion oder die grünen vorwahlen, beeindruckt bin. es gibt natürlich einige die sich in zynischen pragmatismus (žižek) üben und diese initiativen müde abwinken. mag ja alles auch letztendlich nicht fruchten bzw. dem gewünschten ziel nicht näher kommen helfen, aber soviel mobilisierung und demokratisierung habe ich, da es vor allem einzelne ohne parteiapparat oder organisation im rücken betrifft, noch nicht erlebt. blogs spiegeln viel mehr eine persönliche sicht wieder, als dies je ein kommentar einer zeitung tun könnte. hinter letzterem steht ja mit der politischen ausrichtung der jeweiligen zeitung, eine zwar nicht dezidiert ausgedrückte, dafür aber seitens der journalisten um so sklavischer eingehaltene inhaltliche richtschnur des denkens. blogger sind sich nur selbst verpflichtet, sie müssen sich auch nicht an eine fix vorgegebene wörteranzahl halten, sondern werden im gegenteil, da man sich in seiner freizeit wohl nur mit dingen beschäftigt, die einen wirklich interessieren, sich in ziemlicher detailtiefe mit einem thema auseinandersetzen. dieses „ich tu’s für mich selbst“ kann fast schon als ein garant für qualitätsvolle texte gelten. dass es auch hierbei schrott der übelsten sorte geben wird ist natürlich klar, aber ich würde die chance eines gehaltsvollen und interessanten beitrags im blogbereich aus den beschriebenen gründen nicht niedrig einschätzen. auch wird hier ein bruch mit dem gängigen informations- und veröffentlichungsmonopol vollzogen. zeitungen, zeitschriften, bücher oder die uni; das waren und sind gängige medien und plattformen, die aber viele ausschließungs- und diskriminierungsmechanismen mit sich bringen. die akteurInnen des web 2.0 sind aber per se vernetzt und offen. sie können neuigkeiten auch sofort verarbeiten, während zeitungen logischerweise immer einen gewissen vorlauf benötigen werden. die durch die monoplisierung entstandene wand zwischen journalistIn und leserIn existiert im web.2.0 nicht. natürlich kann man auch im standard posten, aber bei einem persönlichen blog ist es viel wahrscheinlicher, dass der/die autorIn persönlich antwortet. in ihrer subjektivität können bloggerInnen paradoxerweise mehr „objektivität“ erzeugen, als das manchmal bei einem zeitungsartikel der fall ist. ein text zu einem beliebigen thema wird ja auch immer erst durch die anschließenden kommentarposts vervollständigt. wir erhalten so hinweise, ergänzungen und widersprüche, die ein runderes oder meistens komplexeres bild der realität zeichnen, als dies der artikel für sich allein genommen je könnte. trotz alldem vorgebrachten teile ich nicht die pessimistische sicht vieler web 2.0 aktivisten, was die zukunft von print angeht. deren argumente haben oft etwas anachronistisches an sich. eine anachronismus allerdings, der sich auf die zukunft bezieht und der schon die schallplatte hat sterben lassen. aber nur weil print alt ist, wird es sicher nicht marginalisiert werden. beim anfänglich beschriebenen gänseblümchenblattzupfen sind ja auch beide möglichkeiten wahr.

Montag, 29. Juni 2009

Die große Wendung…

verspürt der Hans Dichand. Von Faymann zu Pröll Sepp und Erwin – eine historische Zäsur wird es vermutlich nicht werden, aber das rauschen im Blätterwald ist beträchtlich, wenn der Alte sich um Raiffeisen Millionen anstellt. Bisher hielt ich ja den Fellner für den ideologisch biegsameren, aber so kann man sich täuschen. Wäre es nicht so lächerlich, man könnte darüber lachen, wie über das Interview vom Petzner. Österreich sei Dank. HC Strache wurde in Wiener Neustadt gefirmt, das musste ich auch unbedingt noch wissen. Schlechte Zeiten für Satiriker! Ach ja, Martin Graf ist immer noch in Amt und Unwürden. Aber is eh schon wurscht!

Donnerstag, 4. Juni 2009

anlassgesetzgeber vs. überzeugungstäter

das geschäftsordnungsgesetz hat nicht verfassungsrang, es hat aufgrund seiner wichtigkeit mit der 2/3 mehrheit lediglich dasselbe zustimmungsquorum wie gesetze des b-vg. wenn wahlen zurecht als demokratischer ausdruck durchgehen, warum dann nicht auch abwahlen? wer demokratisch gewählt ist, sollte auch demokratisch abgewählt bzw. abgesetzt werden können, dass dies für alle inklusive bundespräsident gilt und nur die nr-präsidenten da eine ausnahme bilden, ist nicht logisch. gerade bei einem hohem amt wie des nr-präsidenten sollte diese möglichkeit bestehen. legistlaturperioden scheitern ja auch manchmal vor ihrem vorgesehenem ende, gesetze müssen ja auch teilweise revidiert und entscheidungen rückgängig gemacht werden. nichtabwählbare entscheidungsträger gehören in diktaturen und nicht in demokratien. graf verstößt (noch) nicht gegen das (verbots)gesetz, aber das ist, um seine abwahl zu rechtfertigen auch gar nicht notwendig. denn nicht um gesetzliche grenzen geht es, sondern um grenzen der überzeugung, der moral, des antifaschistischen konsenses. das letzterer in österreich nicht sonderlich ausgeprägt ist, damit müssen wir umgehen lernen. warum nicht jetzt damit anfangen?

Freitag, 29. Mai 2009

Martin Grafs Wahl war ein Fehler - seine Abwahl wäre der nächste ...

... und erst nach einer Verfassungsänderung möglich. Das Wort Anlassgesetzgebung ist dumm und falsch. Wozu bräuchte es denn sonst ein Gesetz, wenn nicht ein Anlass dafür bestünde. Trotzdem, das Ergebnis einer Wahl muss in einer funktionierenden Demokratie mehr wiegen, als das Gehabe eines Gewählten, solang sich dieser innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewegt. Auch wenn er knapp daran wandelt.
Zur Erinnerung Frau Rudas und Herr Pröll. Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie die Wahl zwischen Alexander v. d. Bellen und Martin Graf. Sie haben den falschen gewählt und argumentierten mit einer Usance, die es so lange noch gar nicht gibt. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da waren 1. und 3. Nationalratspräsident von der gleichen Partei. Jetzt heucheln sie Empörung, was überrascht sie denn plötzlich so an den Aussagen von Herrn Graf?
Als Peter Pilz Jörg Haider den Ziehvater des rechtsextremen Terrorismus nannte, wurde er nach Klage Haiders zurecht freigesprochen. Es wird kein Zufall sein, dass sich Graf einer ähnliche Diktion gegenüber Ariel Muzicant bediente. Wo genau Martin Graf in Österreich antifaschistische Linksterroristen ortet würde mich interessieren. Ebenso realitätsfern ist Muzicants Vergleich Kickls mit Göbbels. Sicher erklärbar, vielleicht sogar verständlich aber im Wissen um die Taten die hinter Göbbels Worte steckten nicht zu rechtfertigen.
Bei der ganzen Causa handelt es sich um ein Scheingefecht das die wahre Sauerei überdeckt. Österreich ist ein Land, indem die zwei stärksten demokratischen Parteien ohne Not und Grund einen Politiker der extremen Rechten (wie sonst sollte man die FPÖ bezeichnen), deren Programm nicht bietet außer Hetze und Hass einem von vielen Seiten gelobten und geschätzten Politiker vorzieht. Was hat man sich davon versprochen?

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken

"man habe halt Wahlkampf" so Karl-Heinz Kopf abgebrüht. Ja und? Hat Misik wirklich recht wenn er schreibt "Wir tun so, als wären wir doof, und dafür tut ihr so, als würdet ihr das nicht merken, weil ihr so tut, als wärt ihr auch so doof. Wir spielen Wahlkampf von Minderbemittelten für Minderbemittelte." Was Faymann bei der Nationalratswahl mit seinem 5 Punkte Programm gelungen ist, ist jetzt der FPÖ beim EU Wahlkampf gelungen. Absolute Themenführerschaft, und das recht postmodern, ohne Themen. Vor kurzem noch stand zu lesen, dass die Akzeptanz der EU wächst - sie als bestes Mittel gegen die Krise gesehen wird. Aber die Krise ist nicht mehr so wichtig wenn Strache mit dem Kreuz durch die Gegend fuchtelt. Noch bizarrer wird es wenn sich Stadler über vermeidliche Haken daran echauffiert.
Die FPÖ hat mit der Warnung vor einem EU Beitritt Israels entgültig die letzten Skrupel gegenüber antisemitischer Hetze über Bord geworfen. Wenn selbst der Bundeskanzler deutliche Worte findet, muss wirklich etwas passiert sein. Aber wie du schon sagtest, das gehört in der Krone ausgetragen - dort sollten sich Kanzler und Kardinal mal empören.
Klar ist, die ganze Empörung ist von der Parteizentrale der FPÖ kalkuliert und spielt der Partei in die Hände. Mit anderen Themen kommt man dagegen nicht mehr durch oder versucht es erst gar nicht. Siehe Strasser, der lieber auf dem Anti Türkei Express mitfährt und somit die letzte Kompetenz, die ich der ÖVP noch zutraute, leichtfertig über Bord wirft.
Es ist sicherlich schwer, gegen die FPÖ richtige Politik zu machen, aber versuchen könnte man es schon mal.
PS: Europawahlen sind für die FPÖ nicht wirklich wichtig, das ist alles nur ein Testlauf .

Donnerstag, 28. Mai 2009

gegen rechts

karlheinz kopf und mit ihm die meisten abgeordneten der övp halten eine anlassgesetzgebung im falle graf nicht für zielführend. sicher, einerseits haben sie ihn auch alle gewählt, andererseits wird das mögliche fischen der blauen im roten teich taktisch und machtpolitisch vielleicht auch eine rolle spielen, so widerwertig dieses kalkül angesichts des ernstes der lage auch sein mag. 6 gedanken dazu:

1.es ist nie zu spät für eine aufgearbeitete vergangenheit. jeden tag lassen sich entscheidungen treffen, wie eine abwahl grafs nach gesetzesänderung, mit denen man in diese richtung zeichen setzen kann und wenn man vorher noch so heuchlerisch agiert hat.

2.karlheinz kopf sagt man solle diese themen nicht so emotionalisiert hochspielen, dass nütze nur der fpö. das ist lachhaft und zirkulär argumentiert. solange es keine reaktion gibt, signalisiere ich ja, dass ich einverstanden bin und provoziere noch dazu weitere entgleisungen.

3.diese ständige unsicherheit, die einen schreien nach einer reaktion des bundespräsidenten, die anderen wiegeln nüchtern ab, zeigt doch wie wenig aufarbeitung der vergangenheit es gegeben hat und wie schlecht es deshalb um das selbstbewußtsein dieses landes bestellt sein muss.

4.der kampf gegen rechts, das veranschaulicht diese causa erneut, darf sich nicht mit den offensichtlichen gegnern zufrieden geben. schlimmer fast noch als fpö sind die stillen dulder und konformisten, also die zwei „groß“parteien, die einer ursprünglich kleinen minderheit zum aufstieg verhelfen.

5.die verdrängung hat durch die sanktionen der eu im jahr 2000 unbeabsichtigt ein kongenialen partner bekommen. nicht wir haben schließlich die grenze gezogen, es waren wie im fall waldheim andere, die die aufarbeitung der vergangenheit für uns übernommen haben, was wir ihnen niemals verzeihen werden.

6„Aber Demokratie hat nicht derart sich eingebürgert, daß sie die Menschen wirklich als ihre eigene Sache erfahren, sich selbst als Subjekte der politischen Prozesse wissen....Weil die Realität jene Autonomie, schließlich jenes mögliche Glück nicht einlöst, das der Begriff von Demokratie eigentlich verspricht, sind sie indifferent gegen diese, wofern sie sie nicht insgeheim hassen.... Die, deren reale Ohnmacht andauert, ertragen das Bessere nicht einmal als Schein; lieber möchten sie die Verpflichtung zu einer Autonomie loswerden, von der sie argwöhnen, daß sie ihr doch nicht nachleben können, und sich in den Schmelztiegel des Kollektiv-Ichs werfen.“ (Adorno)

Montag, 25. Mai 2009

gedanken zu faymanns reaktion auf strache

endlich entspricht das ausmaß der empörung dem ausmaß der verhetzung, findet noch dazu mit den wörtern schande und hassprediger den richtigen starken ausdruck und hinterlässt trotzdem einen schalen beigeschmack. kein hoher politiker vor faymann hat derart heftig auf fremdenfeindlichkeit geantwortet, aber leider wird der konflikt nicht dort ausgetragen, wo er hin gehört: in der kronenzeitung. immerhin hat diese das inserat abgedruckt, welches der kurier aus guten gründen verweigerte und immerhin gibt es zwischen faymann und onkel hans einen ungustiösen interessensabgleich, der aber bei der spö nicht thematisiert wird. aus diesen zwei gründen und auch weil die spö graf unterstützte, bleiben alle bekundungen und seien sie noch so radikal, gegenstandlos. sein aufreger interview hätte faymann nicht mit dem standard, sondern mit krone führen sollen. soll er doch gegeninserate in der krone schalten, wo das fpö-inserat dezidiert und ohne eu wahlkampf angesprochen wird, auch wenn dadurch die krone als mitverursacherin profitiert. leider reicht in österreich das ausmaß der taten nie an das der wörter heran.

Mittwoch, 20. Mai 2009

in aller klar- und deutlichkeit

zu dem von dir angesprochenen mangelnden kampfeinsatz in österreich ist mir unlängst ein passender, aber sehr diskussionswürdiger und provozierender satz von einem fm4 blogger untergekommen, nämlich: solang es nur wasser und keine bomben regnet, reicht der regenschirm. vielleicht ist gerade dieses nicht ernst nehmen der eigenen lebensumstände, die im verhältnis zu den weltproblemen naturgemäß klein wirken, eben jene arroganz die diese weltprobleme erst entstehen lassen. wenn mir die armut vor der eigenen haustür bereits egal ist, was soll mich dann erst jene auf einem anderen kontinent kümmern? ich gefiel mir selbst lange genug in der pose der postmodernen wohlstandsverwahrlosung, die sich zu nichts aufraffen kann, als dass ich sie heute noch gut heißen kann.

and now to something completely different. folgende these: faymann und pröll unterscheiden sich in ihrer rethorik grundlegend von vorhegenden kanzlern und deren vizes. wenn wir nur an die duos gusenbauer/molterer, schüssel/gorbach, schüssel /haupt oder vranitzky/busek denken, dann können wir diesen politikergespannen einiges, aber sicherlich nicht sprachliche verwechslungsgefahr vorwerfen. faymann/pröll hingegen pflegen denselben duktus und hegen dieselbe inhaltsleere. nun sind wahrlich auch worthülsen bei politikerInnen nichts neues, neu aber hingegen ist, dass beide auf die gleich art nichts sagen. sogar der slicke grasser hat auf fragen nicht mit handfestem, wie, huch, konjunkturdaten oder statistiken gegeizt. faymann und pröll lieben beide elendslange aufzählungen und tautologische exzesse. während die aufzählungen durch bloßes name dropping erfolgreich tiefergehendes vermeinden, füllen die nicht ganz lumpenreinen tautologie-artigen gebilde schön jede rede aus. beispiel ausschnitte aus faymanns rede wegen der krise: …eingestehen wird und eingestehen muss…; …plötzlich nicht funktioniert oder zusammenbricht…; kurz dauert…nicht jahrelang dauert…sondern nur einen kurzen zeitraum, exporte zu leisten…in andere länder zu liefern… oder pröll beim eu wahlkampfauftakt: …engagement und tatkraft zu zeigen…;…ganz klar und deutlich…; ist das..war das und wird das auch sein, …können wir aufbauen…auf dem bauen wir auf… usw. dass faymann strache als schande und hassprediger bezeichnete, sind die ausnahmen, die folgende regel zu bestätigen scheinen: kein lärm um nichts.

Sonntag, 10. Mai 2009

...und verschlossenen Augen

weil es dem Österreicher davor graust, seinen Unmut gegenüber der "Obrigkeit" Auge in Auge kund zu tun. Weil der Österreicher seine Neugebauers lieb hat. Im Schimpfen, meckern und raunzen sind wir Weltmeister. Nirgends ist etwas so schlimm und schlecht wie es in Österreich sein kann. Aber anscheinend nie schlecht genug um für eine Änderung zu kämpfen. Da wird lieber ein Kompromiß erziehlt der das dümmste beider Seiten vereint und dann auch noch als Erfolg verkauft wird. Weil der Streik ist ausgeblieben und Ruhe ist eingekehrt. Eine Ruhe die von den Sozialpartnern jahrzehntelang gepflegt wurde, aber schon längst zu Grabe getragen gehörte. Gerade zu einer Zeit, in der Politiker dermaßen an Infantilität leiden wäre es an der Zeit das Heft in die Hand zu nehmen und auf die Straße zu gehen. Die SPÖ beim Wort nehmen und mit ihr um Arbeitsplätze kämpfen. Protestieren!

Ottomeyers Analyse zu Jörg Haider hält einige Erklärungsmöglichkeiten für ein Phänomen bereit, dass sich einfach nicht vollständig erklären läßt. So ist es einfach, ständig neue Theorien werden schlussendlich den postmodernen Politiker entgültig der Belanglosigkeit zuführen. Gut so.

Donnerstag, 23. April 2009

hinter verschlossenen türen

protest à la österreich: monatelanges ankündigen und dann nichts. übrig bleiben unzählige interviews wo dem konjunktiv gehuldigt wurde: was würde passieren wenn die lehrerInnen streiken…; wie täten sie reagieren wenn… so viel heiße luft war noch nie. laut ögb statistik wird das jahr 2003 mit über 10 millionen streikstunden als rekordjahr verbucht, während 2001, sowie 2005 bis 2007 keine einzige minute die arbeit niedergelegt wurde. auch das so „starke“ jahr 2003 kommt nur auf matte 3 stunden streik pro arbeitnehmerIn. der verhandlungsweg ist nach ögb sprech der richtige und streik wird implizit als versagen abgetan, obwohl man sich sonst gerne kämpferisch in pose wirft. „hinter verschlossenen türen“ soll ausverhandelt und dann mit einem glorreichen kompromiß an die öffentlichkeit gegangen werden. kennen die ögbler nicht die geschichte vom umgefallenen baum im wald, der aber nicht gefallen ist, weil es keiner gehört hat? was sind ergebnisse wert, die nicht in der öffentlichkeit unter dem einsatz aller erreicht wurden? die jahrzehntelange einbindung der sozialpartnerschaft als nebenregierung hat zivilcourage und streikwillen in österreich sukzessive abgetötet.


die lehrer hätten streiken sollen, damit dass, was nicht zu ende gedacht, zumindest zu ende getan wird. stellen wir uns vor: 2 wochen streik und alle gehen hin. was in dieser zeit, sowohl auf der straße, als auch in den medien, als auch im minisiterium debattiert werden würde, hätte uns wohl eher eine echte thematische auseinandersetzung und nicht den befürchteten stillstand beschert. aber das wollte ja niemand.

Samstag, 11. April 2009

hase und igel

in klaus ottomeyers buch „jörg haider – mythenbildung und erbschaft“ wird haiders anziehungskraft versucht psychologisch zu erklären. der autor ist selbst sozialpsychologe und psychotherapeut in kärnten und kann viele erlebnisse so aus erster hand berichten. innerlich hab ich da erst einmal die nase gerümpft, weil ich doch nach einer wasserdichten erklärung ausschau hielt, so naiv und schlichtweg unerfüllbar dieser wunsch auch sein mag, also geschichtliche tatsachen, statistiken, gerichtsurteilen usw. suchte und keine lust hatte mich auf „psychologisieren“ und interpretationen einzulassen. nach der lektüre des buches bleibt aber nur der schluß übrig, dass vor allem wenn es um fragen der macht, von blindem gehorsam und gefolgschaft gegenüber eines „führers“ oder um verdrängung von allzu offensichtlichem geht, die psychoanalyse eine sehr sinnvolle, ja notwendige erweiterung der politikwissenschaft darstellt. im prinzip ist der fall a priori ja rational nicht zu erklären, wir stehen vor aktionen wie der saualpe, deutlichen analogien zu sprache des dritten reiches (wahlplakat des bzö zu gemeinderatswahlen in graz: „wir säubern graz") und vor fakten wie denen, dass die landesschulden pro kärnterIn 4000 € betragen, dass es seit über 2 jahren keinen rechnungsabschluß für das budget kärntens gab und dass da einer seine position als landeshauptmann untolerierbar (haider in der disco „tollhaus“ allzunah mit jungen burschen alkohol trinkend) und gegen die gesetze (die abschiebung von unbescholtenen tschetschenen aus kärnten und die ortstafelfrage) ausübt und ausnützt. was sollen, anhand dieser aufzählung, statistiken und wahlanalysen uns sagen können? liegt die antwort nicht viel tiefer, irgendwo in unserem unbewussten begraben und bleibt sie nicht deswegen, auch wenn ottomeyer sehr treffende und erhellende psychologische analysen anstellt, auf grund ihrer natur unauffindbar?

besonders interessant wird es wenn ottomeyer des öfteren von dissoziation (prinzip der abspaltung von z.b. erinnerung) spricht. hier ein längeres zitat:


„um haider herum enstand eine eigentümlich verwirrte atmosphäre, wie wenn man es mit einer „multiplen persönlichkeit“ zu tun hat. eine multiple persönlichkeit hat in sich eine fülle von rollen und teilpersönlichkeiten, die einander nicht zu kennen scheinen. […] die arbeit der therapeutIn besteht darin, sie miteinander bekannt zu machen, damit ein gefühl der kohärenz, der ich-identität entsteht. der mensch mit einer multiplen persönlichkeit ist hochgradig „dissoziiert“ und switcht aufgrund bestimmter auslöse-reize von einer teilpersönlichkeit oder rolle in die andere. haider war wohl keine multiple persönlichkeit […], aber seine persönlichkeit war auffallend dissoziativ. er wirkte manchmal so, als würde er sich selbst nicht mehr kennen. er konnte in situationen jedesmal vollkommen „neu beginnen“ und vergessen, was er früher zu diesem oder jenem gesagt hatte. das interessante ist, dass auch seine gesprächspartner von diesem vergessen mitbetroffen waren. […] wenn haider sich gerade staatstragend gab, schienen die fremdenfeindlichen attacken von gestern wie verschwunden. wenn er einem gerade das gefühl gab, ein freund zu sein, war es, als hätten seine gemeinheiten gegenüber nahe stehenden personen auf einem anderen planeten stattgefunden. […] einige journalisten und autoren spezialisierten sich darauf, haiders „abgespaltene“, „vergessene“ äußerungen und handlungen einzusammeln und ihm nachzutragen. so als müssten sie die integrierende rolle der ich-identität für haider und sein publikum übernehmen. in einem gewissen sinn ist österreich mit zentrum kärnten durch die teilhabe an diesem dissoziativem spiel verrückt geworden. es ist ein bisschen wie in der geschichte vom wettlauf zwischen hase und igel. der hase musste in unserem fall nicht nur zwischen zwei igeln, sondern zwischen einem ganzen team von igeln hin und her laufen und verstand die welt nicht mehr. die verwirrung ließ viele sprachlos zurück.“


die geschichtslosigkeit seines tuns musste man ihm aber vorhalten. auch dazu wurde er immer wieder interviewt, ein teufelskreis, weil sich dadurch sein kompatibilität eben auch immer wieder bewiesen hat. natürlich braucht es dafür ein versagen von hochrangigen politikern ebenso, wie einen orf mit akuter beisshemmung. die ganze problematik mitsamt ihres fluchtcharakters von der realität wird vielleicht am besten mit dem audruck „ewig gestrig“ symbolisiert.


Sonntag, 5. April 2009

Zurück in die Bar

Natürlich war unser Kanzler der Erste, der Onkel Hans zum 50er der Krone ein Ständchen via APA Interview sang. Auf Prölls Loblied müssen wir sicher auch nicht lange warten. Eh keine Überraschung, aber irgendwie passt es ganz gut zur Stammtischthematik. Wenn Faymann sagt, er widmet den Leserbriefen bei Lektüre der Kronenzeitung besondere Aufmerksamkeit, ist das ja nicht a priori zu verurteilen. Es könnte ja Teil einer Strategie sein, dem gemeinen Volk aufs Maul schauen, die Probleme der kleinen Leute erfahren, die Probleme der Kroneleserschaft erfahren, um darauf die richtigen Antworten zu geben. Die Hoheit über die Stammtische so zurückgewinnen. Reine Illustion, man wird den Leserbriefschreibern nach dem Mund reden und wieder nur der Schmiedl sein, auch wenn ihnen Dichand persönlich den Hintern pudert.
Meinem Widerspruch bin ich mir deutlich bewußt, und die Annahme mit der ich versuche ihn hier auszuräumen entspricht eher einem Wunschdenken als konkreter Erfahrung. Ich glaube in schwierigen Zeiten oder bei wichtigen Entscheidungen verläßt sich der Wähler eher auf sein Hirn als auf seinen Bauch, siehe EU-Beitritt. Das läuft zwar die Ois-Trotteln These zuwieder, würde aber doch das Leben in Wohlstand und Freiheit in Europa der letzten 50 Jahre erklären. Die Politik oder besser die Parteien muten aber dem Wähler diese Entscheidungen nicht mehr zu. Abgezielt wird auf den Bauch und auf das Gefühl. Die Medien tragen das ihre dazu bei. Die Asyldebatte reduziert sich auf das liebe Gesicht der Arigona Zogaj. Ich weiß, folgende These ist einseitig und vereinfachend, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Politik und die Medien degenerieren den Wähler zum hirnlosen Stimmvieh dem blaue Augen oder rote Aktentaschen wichitger sind als wirkliche Inhalte. Mit solchen Sachen beschäftigen sich wahrscheinlich Politikerberater.
Das symbolische Erobern von Räumen durch die rechten Parteien macht das Betreten dieser für die Anderen anscheinend unmöglich. Es ist, als würde man in eine Bar nicht mehr gehen, weil einem die Leute darin nicht gefallen. Warum man dann vorm Eingang steht, und versucht mitzugröhlen kann ich nicht beantworten. Wenn man Durst hat, wird einem aber irgendwann nichts mehr anderes übrig bleiben als wieder hinein zu gehen. Diesen Weg sollten SPÖ und ÖVP aber wagen solange sie noch kräftig sind und nicht erst halb verdurstet.

Mittwoch, 1. April 2009

dialog im dunkeln

dichotomoie und dialektik, die dominierenden d gebrüder in der politikwissenschaft, wo alles janusköpfig, widersprüchlich und dreifach hinterfragenswert ist. ein herrlicher zustand, dem es allerdings viel-leichter fällt zu sagen was nicht ist, als zu sagen was ist. stammtische können orte reaktionärer, aber auch einfach besorgter auseinandersetzung sein. versteif ich mich in der definition auf ersteres, überlass ich strache & co, ähnlich dem „san ois trotteln“ sager (mein derzeitiger lieblingsspruch), die bühne, versuche ich es mit zweiterer, ohne dass ich mich gleichzeitig dazu entblöde autogramme auf brüsten in discos zu geben, dann besteht eine reelle chance direkt mit dem menschen in kontakt zu kommen, ohne als abgehobener politiker dazustehn, der sich für solche dinge zu gut ist. du verwickelst dich in einen widerspruch, wenn du einerseits von überwiegenden kopfentscheidungen sprichst und andererseits das primat der lautesten sau proklamierst. was nun, wird jetzt eine „regierung der besten köpfe“ mit den besten ideen und ausgewogensten programmen oder doch der, der am meisten populistisches porzellan zerbricht, gewählt? natürlich schicken wir damit glawischnig nicht ins fluc oder pröll auf den jägerball, aber dass die mehrzahl der jugendlichen bei der letzten nr-wahl rechts gewählt haben ohne es zu sein, ja dass darunter viele mit migrationshintergrund sind, sollte uns zu denken geben.

der stammtisch ist ja nicht per se böse, sondern nur durch seine instrumentalisierung als rechter ort. rechte parteien kapern symbolische räume und machen sie dadurch unantastbar. stichwort: migrantInnenpolitik, kriminalität, asyl, strafgesetzgebung, populismus usw. es ist verständlich, dass dann da keiner auch nur anstreifen will, aber -apropos dialektik- unverständlich, dass man ihnen diese räume kampflos überlässt. wir sind gefangen in einer schwarzweiß dichotomie, einem entweder oder denken, das wie das kaninchen vor der schlange sitzt, erstarrt vor angst. das gesetz des handelns haben wir aber dadurch verloren, die großparteien sind so zum ausschließlichen reagieren und beäugen des gegners verdammt. man kann zum thema migration ja fast nichts mehr sagen ohne in dem rechten raum zu tappen, an dieser entwicklung sind die linken nicht ganz unschuldig. migration ist aber tatsache, ein bestandteil unseres täglichen lebens in österreich als einwanderungsland, ein so facettenreicher, wie interessanter, auch unter dem aspekt der bereicherung und vielfältigkeit zu betrachender themenkomplex. für migrantInnen keine politik machen zu wollen, hieße, machtpolitisch gesehen, freiwillig diesen bevölkerungsanteil als potentielle wählerschicht zu verlieren. quasi so als ab man sagen würde: vergiss die hackler, die beamten, die bauern, die frauen, wobei es die nicht gibt. die ausländer sind eine rechtspopulistische bombe, welche eine diskussion verunmöglicht. die besetzung des migrantenthemas durch rechte parteien gibt ihm erst seinen problembehafteten anstrich. wenn faymann erst auf zuruf der journalisten rechte sager zu diesem thema kommentiert, ist der raum bereits verloren. schön wäre, wenn politikerInnen von sich aus agieren würden. das wäre jetzt auch mein ansatz, aber wofür kriegen parteistrategen und politikberater eigentlich ihr geld?

von der ursprünglich dreiheit der fransösischen revolution – freiheit, gleichheit, brüderlichkeit, hat, wie hobsbawm es so schön formuliert, die linke die brüderlichkeit, also den gesellschaftlichen zusammenhalt, das gemeinwesen, genossenschaften, verbände und das eintreten für kollektive verbesserungen über jahrzehnte eingebüßt. diese räume, inklusive des ach so verpönten stammtisches gehören zurückerobert. aber flott!


Montag, 30. März 2009

scheißts auf den stammtisch

Im Churchill Zitat sehe ich nicht die Dichotomie Freie Wahlen – Diktatur, sondern eher einen spöttischen Hinweis auf das Angebot der Wahlmöglichkeiten. Egal wen ich wähle, der Weg auf dem wir alle gehen nennt sich Kapitalismus oder etwas moderner ausgedrückt Neoliberalismus. Wirtschaftlicher Fortschritt ist unser wahrer Weltgeist, in ihm kommen wir zum Ende der Geschichte. Wenn wir alle die 1500 Euro Verschrottungsprämie nehmen und uns einen neuen Mercedes kaufen ist die Welt in Ordnung. Darauf eine Brennesselsuppe der Frau Dörfler!
Der Weltgeist steckt momentan leider in einer Krise. Macht nichts. Wir könnten ja die Zeit, die wir dadurch gewinnen nicht ständig eine neue Investition mit tollen Renditen machen zu müssen, für andere Dinge verwenden. Nachdenken zum Beispiel. Ein schönes Hobby und billiger als Aktienspekulation. Integration, da könnten ein paar Gedanken nicht schaden. Kunst und Kulturpolitik, für die die es interessiert. Die Scheuchs und die anderen Witzfiguren haben dazu schon so ihre Ideen. Ganz so schlecht werden sie ja nicht sein, sonst würde ja mal einer aus den anderen Parteien aufstehen und schreien „sahst es komplett deppert“. Aus dem letzten Falter weiß ich, dass Strache bei Heldenplatz gebuht hat – oh Gott wie armselig und doch so viele Wähler.
Die viel zitierte Hoheit über die Stammtische: welche meinst du, die wo man schon 50 Jahre lang hört, dass unter Hitler nicht alles schlecht war oder die wo es heißt da Mossad hat den Haider die Bremschleich durchgschnitten. An diesen Stammtischen herrscht eine ganz besondere Form von Dummheit, die nicht auch noch umworben werden soll. Ich kann mich nicht hinstellen und Stammtischdummheiten in mein Parteiprogramm aufnehmen, um diese Wähler zu rekrutieren. Ich kann nicht Naziverbrechen unter den Teppich kehren um für diese Verbrecher wählbar zu sein. Das wird mir früher oder später auf den Kopf fallen.
Ich glaube es wählen mehr Menschen FPÖ und BZÖ, als sich wirklich für deren Ideen begeistern. Sie folgen eben der lautesten Sau die durch den Garten rennt (meine Lieblingsmetapher in letzter Zeit). Kein Wunder, wenn die anderen nichts zu bieten haben. Und zwar nicht nur nichts, was den Bauch anspricht, sondern viel schlimmer, auch nichts was den Kopf anspricht. Die meisten Wähler entscheiden nämlich damit. Immer noch

Mittwoch, 18. März 2009

was zur wahl steht

den spruch des alten churchill kann man nur unter undemokratisch und selbstgefällig einordnen, da diktaturen und totalitäre regime nicht umsonst zuallererst die wahlfreiheit einschränken (es gibt nur eine partei) oder gleich verbieten. im zuge des aufruhrs über den stermann u. grissemann sketch wurde uwe scheuch als unbeteiligter zu den grenzen von humor respektive kunst interviewt. der gab relativ freimütig zu, dass der „spaß“ da aufhört, wo er die kärnter volkseele verletzt. einen kanzler scheuch zu wählen, hieße also offenen auges einem kunstverbot zuzustimmen. auch gusenbauers wahlrechtsreform, die eine verlängerung der legislaturperiode von vier auf fünf jahre brachte, kann man leichten herzens als undemokratisch abstempeln, da sie (ab)wahlmöglichkeiten beschneidet und im gleichen atemzug die macht der herrschenden partei einzementiert. auch die hemdsärmelige schulterklopfpolitik gehört wieder eingeführt, will man die lufthoheit über den stammtischen nicht der fpö überlassen. populismus (populus=volk) in seiner ursprünglichen bedeutung steht ja auch für etwas durchaus positives, nämlich für protestbewegungen, die sich aus der bevölkerung (volk klingt irgendwie immer mies) herausschälten, sich mit dieser identifizierten und sich als ihr sprachrohr verstanden. in der sozialwissenschaft wurden mit populismus erstmals farmerbewegungen in den usa bezeichnet, die sich gegen das konzentrierte großkapital in new york city und für billigere kredite einsetzten. das problem heute dabei ist, dass diese bewegungen bewusst von außen initiiert und nachher instrumentalisiert werden. wir und vor allem die politikerInnen müssen uns/sich alle als kärnterInnen verstehen, wollen wir/sie etwas an der situation ändern. die wirkungsmächtigste theorie ist meiner ansicht nach die, die bei einem selbst ansetzt und deswegen noch am ehesten eine handlung nach sich zieht.

die fpö samt ihrer vorgängerpartei vdu ist jahrzehntelang bei wahlen zwischen 5 und 10% herumgedümpelt, auch weil nach 1945 övp und spö als auffangbecken für nationalsozialisten fungierten (das adjektiv ehemalig sollte in diesem zusammenhang vermieden werden). hat sich der rechte bodensatz vorher in anderen parteien ein demokratisches mäntelchen umhängen können und war als solches nicht sichtbar, so müssen wir jetzt eigentlich fpö und bzö dankbar sein, da sie uns die derzeitige politische lage ungefiltert 1:1 so widerspiegeln wie sie tatsächlich ist. das schöne an den rechten ist ja, dass sie aus gründen des populismus ihrer dummheit in anfällen von logorrhoe freien lauf lassen und quasi deckungsgleich mit ihren „thesen“ agieren. zum kotzen, ja, aber so ist es.

Sonntag, 15. März 2009

Ich bin kein Kärnter

Meine Reaktion auf die Kärntner Wahl variiert je nach Gemütslage zwischen drei Möglichkeiten. Die von dir angesprochene "Ois Trotteln" Sichtweise. Eine generell recht brauchbare Art den Alltag zu begreifen. Die "Nichts ist unbedeutender, als wer in Kärnten Landeshauptmann ist" Sichtweise. Und die, über die ich jetzt schreiben werde. Das Deutschnationale ist in Kärnten historisch verankert und psychologisch erklärbar. Den österreichischen Wähler, stört ein bisschen brauner Stallgeruch nicht. Den Kärntner schon gar nicht. Die Gründe dafür füllen Bücher, nicht dieses Posting. Zum Braunen Unterfutter kommt noch eine Portion Sozialismus der Art "da schau ma schon, dass'd lei di wohnbauförderung griagst". Nicht zuviel davon, schließlich darf die Leistung der Fleißigen und Anständigen nicht bestraft werden. So leicht geht das, egal ob orange, rot, schwarz oder sonstwie. Als Landeshauptmann tingelst du von Feuerwehrfest zu Kreiverkehreröffnung und klopfst auf die Schultern des braven Volks. Jörg Haider war ein Meister in dieser Disziplin. Pröll der Ältere kann das auch, Burgstaller hatte es offensichtlich nicht so drauf (kein Wunder als Frau) und der Dörfler wirds auch nicht so gut wie der Jörg machen. Vielleicht kommt die nächste Sau die durch den Garten rennt ja wieder von der SPÖ. Wer weiß, die Kärntner werden ihr folgen.
Politik ist das nicht! Das ist ein Komposthaufen auf dem Ideen wie die Saualpe wachsen. Politik ist Probleme zu erkennen, sich damit auseinandersetzen, eine Entscheidung zu treffen und diese zum Wohl der Gemeinschaft umsetzeen. Die Partei, der ich das zutraue wird von mir gewählt, nicht der Grüßaugust, der mir meine gesicherte Pension verspricht. Ich bin kein Kärnter!
Wenn die Schmied zum Dichand rennt und fragt ob es eh ok ist wenn sie sich mit der GÖD anlegt, wird mir schlecht. Noch schlechter wird mir wenn ich daran denke, dass Strache bald mehr Stimmen bekommt als Haider und kotzen könnte ich sobald Faymann oder Pröll zu einer Ansprache ansetzen. Besser ist es danach aber auch nicht. Ginge es nach meiner Stimme, hätte keiner der Erwähnten ein Amt erreicht, aber zum Glück zählt meine Stimme ja auch nicht mehr als die der Trotteln und außerdem, "würden Wahlen etwas ändern, hätte man sie längst verboten" (W. Churchill)

Dienstag, 10. März 2009

wir alle sind kärnterInnen

nach der wahl mehrten sich die kommentare und wortmeldungen zu der spezifischen situation in kärnten, welche uns als regionale absonderlichkeit, als geschichtlich gewachsen und so ganz und gar nicht vergleichbar mit dem österreichischen rest verkauft wurde. also nicht wien, sondern kärnten sei anders, so anders, dass wir es gar nicht verstehen können. ich gebe zu, die empathie mich in leute hineinzufühlen, die rechtsradikal wählen, hat mir immer schon gefehlt und 1999 nach der nrwahl mit den knappen 27% für die haiderfpö, bekam ich vor lauter geifer und fassungslosigkeit den mund nicht zu. der erregung folgte eine tiefe scham und da ich anschließend länger im ausland weilte, kam bald peinlichkeit und wut hinzu, ständig das wahlergebnis erklären und mich legitimieren zu müssen. aber damals war es nicht ein bundesland, sondern ganz österreich, das nach rechts schwenkte. erklärungsmuster nach der eh nicht unsympathischen mundl rethorik „des san ois trottln“ zementieren aber die position von fpö/bzö für immer und ewig ein. mich erinnert das stark an freunde, die erfüllt von abgeklärtheit von den nicht zu änderenden umständen stolz mit ihrem ungültigen wahlzettel in der luft herumfuchtelten oder proklamieren es gar nicht wert gefunden zu haben überhaupt zur wahl zu gehen. denen und die, die meinen, dass dies eben der brauner restsatz (was ja auch stimmt) sei und man das eben akzeptieren müsse (was nicht stimmt), sei mit platon gesagt: "diejenigen, die zu klug sind, um sich in der politik zu engagieren werden dadurch bestraft dass sie von leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“ obwohl und gerade weil österreich von allen linken geistern verlassen ist, lohnt es sich etwas zu unternehmen weil:
  1. von 1945 bis 1989 durchgängig - die wahrscheinlich auch nicht weniger rechte - spö in kärnten am ruder war.
  2. bei nrwahlen die spö die fpö/das bzö in kärnten oft prozentual überrundet (2006: 35,4% spö, 25% bzö; 2002: 38,33% spö, 23,61% fpö; 1999: 35,72% spö, 38,62% fpö)
  3. haider zwar ein rechte, aber vollem eine stark personalisierte wahl war.
  4. haider hat sich als der bürgermeister von kärnten generiert, das sollten andere auch können, ohne gleich dumpfe vorurteile zu bedienen.
  5. österreich ist zwar grundsätzlich rechtskonservativ, aber nicht apriori ein volk von faschisten. ein faktum, welches sich radikalrechte parteien durch das mittel der verstärkung zunutze machen.
  6. haider mag ein politisches naturtalent gewesen sein, aber die gefahr ist aufgrund seines ablebens nicht gebannt. das dritte lage ist zusammengenommen so stark wie nie (28,2%) und ja, fpö und bzö haben genau dasselbe wählerspektrum.
  7. 2014 sind die nächsten landtagswahlen in kärnten: genug zeit um einen populären gegenkandidaten aufzubauen.

misik spricht in seiner dankesrede zur veleihung des staatspreises für kulturpublizistik über die "selbststilisierung der medienintellektuellen, die sich arrangiert haben mit der soundbitekultur, die sich einstmals vielleicht in den dienst einer sache gestellt hätten, und heute, in ermangelung einer sache, in den dienst ihres „ich" stellen.“ ich würde weiters einen grassierenden fatalismus konstatieren, der sich aufgrund seiner abgeklärtheit mit bestehendem ungemach abfindet, der aus den gleichen gründen, aus denen er sich seiner eigenen verantwortung enthebt, anderen diese nicht zutraut (obama ist auch nicht besser, wirst sehen...). die kehrseite der medaille ist übermächtig geworden, aber mit den nachträglichen vorwürfen der marke „ich habs dir eh gesagt“ werden wir schon fertig.

Montag, 16. Februar 2009

ein sturz ins leere

österreich leidet am liebsten an sich selbst und dieses masochistische leid, so scheint es, ist dem kritiker und der kritikerin antrieb und bremse in einem. sie können nicht kritisieren und zugleich zeigen, dass es auch anderes geht. insofern hat der österreicher schuh einen ganz und gar unösterreichischen text verfasst und fiel daraufhin prompt in ein loch: es ist doch niederschmetternd wie echolos diese seitenlange analyse im blätterwald verhallte! wo sind all die journalistInnen, medienmenschen, intellektuellen, studentInnen, kritische geister, all die autorInnen, philosophInnen, nachbarn und gedankenhaberInnen wenn es nur darum geht, einen scheit nachzulegen, die debatte am lodern zu halten? erzählt uns doch, dass dieser text scheiße ist, aber bitte vergesst nicht auch hinzuzufügen warum, fühlt euch doch bestätigt, whatever, aber macht es so, dass es der „gegenmeinung dabei hilft sinnvoll zu sein“.

ich würde ja nicht nur der krone, sonder auch dem falter eine „sozialpsychologische entlastungsfunktion“ zusprechen. da können sich die, die anders sind vergewissern, dass sie es auch sind. hierzulande ist die fallhöhe der meinungen außerordentlich hoch. vereinfacht gesagt ist es presse gegen standard, krone gegen falter oder falter gegen presse. dazwischen ist vakuum, ein sturz ins leere. in diesem schwarz und weiß definieren nicht nur wir uns als leser, sondern da scharen sich auch magnetisch die meinungen wie die mücken ums licht. zwischen den personifizierten lagern kann es dann logischerweise keinen übertritt geben, ja da wird nicht mal der finger zur messung der wassertemperatur des gegenüberliegenden beckens ausgestreckt. adorno hielt es unangemessen für eine/n intellektuelle/n in einer diskussion partout recht haben zu wollen. das freie mandat gehört aber überhaupt erst einmal angewandt. zugegeben: ohne risiko ist es nicht. wahrscheinlich bin ich der erste engstirnige, der sich aufregt und deswegen gleich sein abo kündigt. oder aber einen leserbrief schreibt.

Die Qual der Verposung zu entgehen

Franz Schuh publizierte im "Datum" 01/09 folgenden Kritik an der österreichischen Medienlandschaft. http://www.datum.at/0109/stories/5398639
Franz Schuh zu lesen hat mir noch nie wirklich Freude bereitet. Zu wenige Ausrufe "Ja verdammt, genau so ist es!", entlocken mir seine Texte. Nichts davon ist an mir hängen geblieben, und auch diese "monologischen Passagen aus einem Gespräch mit einem deutschen Journalisten" packen mich nicht an der Gurgel. Seit Tagen quält mich der Text mit Manierismen ("die Ferne ermöglicht die Illusion..."), undurchschaubaren Beschreibungen ("...absurd allein gelassenen Menschen") und sonst noch so einigem. Aber noch immer ist er kein Klopapier, noch immer liegt er neben mir und ich arbeite an ihm. Und je länger er mich quält desto lustvoller wird diese Qual. Darin hab ich seine Qualität entdeckt.
Ein Kommentar im "Standard" vor kurzem handelte davon, wie schlecht bzw. harmlos der österreichische Journalismus gegenüber der Rechten (ich hasse dieses Wort - aber hier weiß man wer gemeint ist) in diesem Land ist. Der österreichische Journalist begnügt sich damit, Haltung zu zeigen. Es ist politischer Grundkonsens in der zivilisierten Welt, dass man nicht so sein darf wie es die FPÖ ist. Unsere Aufgabe ist es, diesen Konsens als Banner vor uns herzutragen wenn wir gegen diese Nazibrüder in die Schlacht ziehen. Wir müssen sie als das hinstellen, was sie sind. Das ist unser Auftrag. 30 % der Wähler ist des wurscht.
Vielleicht mein Franz Schuh ja das, wenn er von einer Verposung der Meinung spricht. Vielleicht hat der österreichische Journalist ja Angst davor Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Als Zeitungsleser in Östereich kann ich mir die Zeitung zu meiner Meinung ausuchen. Wenns so schön wäre, in den meisten Fällen sucht sich die Zeitung die Meinung aus.
Der Text von Franz Schuh quält mich vielleicht deshalb so, weil er mir nichts zu verkaufen hat. Weil dieses "Ja genau so ist es" fehlt. Schön.