in klaus ottomeyers buch „jörg haider – mythenbildung und erbschaft“ wird haiders anziehungskraft versucht psychologisch zu erklären. der autor ist selbst sozialpsychologe und psychotherapeut in kärnten und kann viele erlebnisse so aus erster hand berichten. innerlich hab ich da erst einmal die nase gerümpft, weil ich doch nach einer wasserdichten erklärung ausschau hielt, so naiv und schlichtweg unerfüllbar dieser wunsch auch sein mag, also geschichtliche tatsachen, statistiken, gerichtsurteilen usw. suchte und keine lust hatte mich auf „psychologisieren“ und interpretationen einzulassen. nach der lektüre des buches bleibt aber nur der schluß übrig, dass vor allem wenn es um fragen der macht, von blindem gehorsam und gefolgschaft gegenüber eines „führers“ oder um verdrängung von allzu offensichtlichem geht, die psychoanalyse eine sehr sinnvolle, ja notwendige erweiterung der politikwissenschaft darstellt. im prinzip ist der fall a priori ja rational nicht zu erklären, wir stehen vor aktionen wie der saualpe, deutlichen analogien zu sprache des dritten reiches (wahlplakat des bzö zu gemeinderatswahlen in graz: „wir säubern graz") und vor fakten wie denen, dass die landesschulden pro kärnterIn 4000 € betragen, dass es seit über 2 jahren keinen rechnungsabschluß für das budget kärntens gab und dass da einer seine position als landeshauptmann untolerierbar (haider in der disco „tollhaus“ allzunah mit jungen burschen alkohol trinkend) und gegen die gesetze (die abschiebung von unbescholtenen tschetschenen aus kärnten und die ortstafelfrage) ausübt und ausnützt. was sollen, anhand dieser aufzählung, statistiken und wahlanalysen uns sagen können? liegt die antwort nicht viel tiefer, irgendwo in unserem unbewussten begraben und bleibt sie nicht deswegen, auch wenn ottomeyer sehr treffende und erhellende psychologische analysen anstellt, auf grund ihrer natur unauffindbar?
besonders interessant wird es wenn ottomeyer des öfteren von dissoziation (prinzip der abspaltung von z.b. erinnerung) spricht. hier ein längeres zitat:
„um haider herum enstand eine eigentümlich verwirrte atmosphäre, wie wenn man es mit einer „multiplen persönlichkeit“ zu tun hat. eine multiple persönlichkeit hat in sich eine fülle von rollen und teilpersönlichkeiten, die einander nicht zu kennen scheinen. […] die arbeit der therapeutIn besteht darin, sie miteinander bekannt zu machen, damit ein gefühl der kohärenz, der ich-identität entsteht. der mensch mit einer multiplen persönlichkeit ist hochgradig „dissoziiert“ und switcht aufgrund bestimmter auslöse-reize von einer teilpersönlichkeit oder rolle in die andere. haider war wohl keine multiple persönlichkeit […], aber seine persönlichkeit war auffallend dissoziativ. er wirkte manchmal so, als würde er sich selbst nicht mehr kennen. er konnte in situationen jedesmal vollkommen „neu beginnen“ und vergessen, was er früher zu diesem oder jenem gesagt hatte. das interessante ist, dass auch seine gesprächspartner von diesem vergessen mitbetroffen waren. […] wenn haider sich gerade staatstragend gab, schienen die fremdenfeindlichen attacken von gestern wie verschwunden. wenn er einem gerade das gefühl gab, ein freund zu sein, war es, als hätten seine gemeinheiten gegenüber nahe stehenden personen auf einem anderen planeten stattgefunden. […] einige journalisten und autoren spezialisierten sich darauf, haiders „abgespaltene“, „vergessene“ äußerungen und handlungen einzusammeln und ihm nachzutragen. so als müssten sie die integrierende rolle der ich-identität für haider und sein publikum übernehmen. in einem gewissen sinn ist österreich mit zentrum kärnten durch die teilhabe an diesem dissoziativem spiel verrückt geworden. es ist ein bisschen wie in der geschichte vom wettlauf zwischen hase und igel. der hase musste in unserem fall nicht nur zwischen zwei igeln, sondern zwischen einem ganzen team von igeln hin und her laufen und verstand die welt nicht mehr. die verwirrung ließ viele sprachlos zurück.“
die geschichtslosigkeit seines tuns musste man ihm aber vorhalten. auch dazu wurde er immer wieder interviewt, ein teufelskreis, weil sich dadurch sein kompatibilität eben auch immer wieder bewiesen hat. natürlich braucht es dafür ein versagen von hochrangigen politikern ebenso, wie einen orf mit akuter beisshemmung. die ganze problematik mitsamt ihres fluchtcharakters von der realität wird vielleicht am besten mit dem audruck „ewig gestrig“ symbolisiert.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen